Wie wir lesen lernen

Eine Ausstellung in Sandesneben zeigt Fibeln aus fast 150 Jahren

Erinnern Sie sich noch an Ihre Fibel? – Ja, genau, das war das Buch, mit dem Sie in der Grundschule lesen und schreiben gelernt haben. Mindestens das erste Schuljahr hat die Fibel uns alle begleitet. Jetzt besteht Gelegenheit, sich noch einmal in diese Zeit zu vertiefen. Im Regionalzentrum Sandesneben werden ab 7. Mai 50 Fibeln aus den vergangenen fast 150 Jahren – vom Kaiserreich bis heute – ausgestellt.

Zusammengetragen haben die Lehrbücher Renate Andresen und Heike Petersen, zwei Frauen vom Fach. Die Lehrerinnen im Ruhestand, die beide in den 1950er-Jahren in Labenz bzw. Mölln lesen gelernt haben, kennen aus ihrer Berufspraxis viele verschiedene Fibeln und haben für ihre Präsentation besondere Exemplare ausgesucht. Sie spannen dabei den Bogen über die wechselvollen Zeiten des 20. Jahrhunderts, mit einem Seitenblick auf den Schulalltag in der DDR und der deutschsprachigen Bevölkerung in Rumänien.

Obwohl alle demselben Zweck dienen, den Kindern das ABC nahezubringen, sind die Fibeln völlig unterschiedlich. „Man muss unterscheiden zwischen dem eigentlichen Lehrstoff und dem in den Geschichten verpackten Blick auf die Gesellschaft“, erläutert Andresen. „In fünf Schaukästen wollen wir zeigen, wie zu unterschiedlichen Zeiten in die Bereiche Staat und Politik, Familie und Erziehung, Arbeitswelt, Bräuche und Feste sowie Natur eingeführt wurde.“ So wurde etwa im Kaiserreich die Liebe zum Vaterland gepredigt, die in der NS-Zeit erneut in den Vordergrund rückt. Dazwischen und danach ist das Leben auf die Kleinfamilie mit Vater, Mutter, Kind ausgerichtet. Heute tritt die Gesellschaft in bunter Vielfalt auf, drehen sich die Geschichten auch um Scheidungsfolgen oder die Integration von Ausländern.

Grundlegend verändert hat sich die Einstellung zu den Kindern. Früher regelte ein langer Tugendkatalog die Pflichten in einer Erwachsenenwelt. „Heute dagegen stehen Themen aus dem kindlichen Alltag mehr im Vordergrund“, sagt Andresen. „Hatten sich die Kinder früher einzuordnen, so werden sie jetzt als Persönlichkeiten mit Rechten und Pflichten angesprochen.“

Wen mehr die Frage nach dem Lehrstoff interessiert, erfährt von Heike Petersen interessante Details: „Das beginnt schon bei der Schrift: früher Fraktur und Sütterlin, später Druckschrift und die sogenannte ‚lateinische Ausgangsschrift‘“. Auch der alte Streit, wie man am besten Lesen lernt, über die Buchstaben-, die Ganzwort- oder die Silbenmethode spiegelt sich im Aufbau der Fibeln.

Die Ausstellung „Fibeln, Fibeln“ wird am 7. Mai, 19.30 Uhr, im Regionalzentrum Sandesneben, Am Amtsgraben 4, eröffnet. Sie ist bis zum 26. Juni zu sehen, montags, mittwochs und freitags von 9 bis 12 Uhr, donnerstags von 14.30 bis 17.30 Uhr.

Fibeln aus 150 Jahren präsentieren Renate Andresen (links) und Heike Petersen im Regionalzentrum Sandesneben.
Große Unterschiede haben Renate Andresen (links) und Heike Petersen in den verschiedenen Fibeln festgestellt.
Vom Kaiserreich über die NS-Zeit bis heute reicht die Auswahl an 50 Fibeln, die Heike Petersen (links) und Renate Andresen im Regionalzentrum Sandesneben vorstellen.

Text und Fotos Matthias Schütt